Coaching - Definition

verfasst von Prof. Dr. H. Geißler  am 07.10.2021

Coaching mit elektronischen Medien - also das, was als Online-Coaching, E-Coaching, virtuelles Coaching oder digital Coaching bezeichnet wird - ist eine spezielle Ausprägung von Coaching. Die Frage nach den konstitutiven Merkmalen von Coaching mit elektronischen Medien setzt deshalb eine Antwort auf die Frage voraus, was Coaching insgesamt ist. Diese Frage ist allerdings nicht so einfach zu beantworten. Denn die Suche nach einer überzeugenden Definition führt zu unterschiedlichen Antworten. Hier einige Beispiele:

 

John Whitmore, einer der Gründungsväter des Coachings, betont in seiner Definition den erwachsenenpädagogischen Aspekt des Lernens:

Coaching is unlocking people’s potential to maximize their own performance. It is helping them to learn rather than teaching them.” (Whitmore, 1992, S. 10)

 

Diese Definition hat eine gewisse Nähe zu den Vorstellungen, die Elaine Cox, Tatiana Bachkirova und David Clutterbuck von Coaching haben, dabei aber mehr den Aspekt der erwachsenenpädagogischen Entwicklung betonen:

Coaching could be seen as a human development process that involves structured, focused interaction and the use of appropriate strategies, tools, and techniques to promote desirable and sustainable change for the benefit of the coachee and potentially other stakeholder.” (Bachkirova, Cox & Clutterbuck, 2010, S. 1)

 

Einen deutlich anderen Akzent hingegen setzt Christopher Rauen:

„Coaching ist die in Form einer Beratungsbeziehung realisierte individuelle Einzelberatung, Begleitung und Unterstützung von Personen mit Führungs- bzw. Managementfunktionen. Formales Ziel ist es, bei der Bewältigung der Aufgaben der beruflichen Rolle zu helfen. Die vielbeschworene Hilfe zur Selbsthilfe ist dabei das Mittel der Wahl, das durch Beratung auf der Prozessebene und der Schaffung von lernfördernden Bedingungen ermöglicht werden soll. Eine derartige Arbeitsbeziehung kann nicht ‚zwischen Tür und Angel‘ aufgebaut werden und unterscheidet sich in Vorgehen, Tiefe und Wirkung erheblich von anderen Beratungsformen.“ (Rauen, 2005, S. 112)

 

Für Greif hingegen ist Coaching

„[…] eine intensive und systematische Förderung ergebnisorientierter Problem- und Selbstreflexionen sowie Beratung von Personen oder Gruppen zur Verbesserung der Erreichung selbstkongruenter Ziele oder zur bewussten Selbstveränderung und Selbstentwicklung. Ausgenommen ist die Beratung und Psychotherapie psychischer Störungen.“ (Greif, 2008, S. 69)

 

Und Dianne R. Stober und Anthony M. Grant definieren Coaching als

a collaborative and egalitarian relationship between a coach, who is not necessarily a domain-specific specialist, and a client, which involves a systematic process that focuses on collaborative goal setting to construct solutions and employ goal attainment process with the aim of fostering the on-going self-directed learning and personal growth of the client” (Grant & Stober, 2006, S. 2).

 

Diese Sammlung unterschiedlicher Coaching-Definitionen ließe sich beliebig fortsetzen. Diese Tatsache führt Bachkirova, Spence & Drake in ihrem 2017 erschienenen „SAGE Handbook of Coaching“  zu der Aussagen, dass bisher nicht gelungen sei, Coaching allgemein anerkannt zu definieren (Bachkirova, Spence & Drake, 2017, S. 5 – 7). Diese Einschätzung stützen sie u. a. auf eine Studie von Bachkirova & Kauffman (2009), in der davon ausgegangen wird, dass eine überzeugende Coaching-Definition vorrangig auf zwei Kriterien Bezug nehmen muss: zum einen auf die Merkmale, die universell für alle Coachingformate und -ansätze zutreffen müssen, und zum anderen auf diejenigen Merkmale, welche die Einzigartigkeit herausstellen, mit der sich Coaching gegenüber seinen benachbarten Sozialpraxen abgrenzt. Mit Bezug auf diese Kriterien lassen sich – so die Autorinnen dieser Studie – die vorliegenden Coaching-Definitionen in vier Gruppen einteilen, nämlich in solche, die vorrangig auf Besonderheiten des Zwecks, des Prozesses, des Kontextes bzw. der Thematik und der Zielgruppen abheben. Auf dieser Grundlage stellen sie fest „that none of the definitions identified could satisfy the universality and uniqueness criteria, as the conceptualisations of coaching under study varied too substantially in terms of coaching types, and genres“ (Bachkirova, Spence & Drake, 2017, S. 6).

Zu diesem Mangel kommt noch ein zweiter hinzu, der wohl noch schwerwiegender ist. Denn Greif, Möller & Scholl müssen mit Blick auf die zum Teil erheblich unterschiedlichen Coaching-Vorstellungen, mit denen Coachingwissenschaftlerinnen und Coachingwissenschaftler sowie -praktikerinnen und -praktiker arbeiten, feststellen:

„Unterschiede und Streitfragen werden [...] nach unseren Beobachtungen noch nicht einmal auf Fachtagungen offen diskutiert, sondern informell innerhalb von Gruppen mit ähnlicher Ausrichtung. Um potenzielle Kunden an das eigene, bessere Konzept zu binden, werden sie ebenfalls informell als Vorbehalte gegenüber anderen Konzepten kommuniziert. Coaching kann sich jedoch als übergreifende Profession, die für unterschiedliche Richtungen, Konzepte und Methoden offen ist, nur konstituieren, wenn Unterschiede und Gemeinsamkeiten sowie das übergreifende Selbstverständnis der Profession gemeinsam diskutiert und geklärt werden.

Unterschiede und Konflikte innerhalb der Profession können Coaching bereichern und im Wettbewerb der Konzepte interessante Erweiterungen anregen. Voraussetzung ist, dass sie inhaltlich informiert und kooperativ ausgetragen werden. Coaching fehlt dafür heute jedoch ein engagiertes Austausch- und Diskussionsforum […]. Möglich wäre, solchen Disputen und Klärungsversuchen mehr Raum auf Tagungen, in Fachzeitschriften oder in richtungsübergreifenden Buchpublikationen zu geben […].“ (Greif, Möller & Scholl, 2018, S. 8)

 

Vor diesem Hintergrund erscheint es sinnvoll, Coaching – und damit auch Coaching mit elektronischen Medien – mit Bezug auf folgende zehn Merkmale zu definieren, nämlich 

  • als Hilfe zur Selbsthilfe,
  • als Dialog einer partnerschaftlichen Problembearbeitung,
  • als Aufklärungsdialog,
  • als Prozessberatung, die u.U. mit Fachberatung anzureichern ist,
  • als Mehr-Ebenen-Beratungsprozess,
  • als Thematisierung des/der Coachee als Handlungssubjekt,
  • als Dienstleistung mit einer makroprozessual zirkulären Phasenstruktur,
  • als mikroprozessual fünfstufigen Problembearbeitungsprozess
  • und als eine auf Partizipation ausgerichtete Gesprächsführung des Coachs (Geißler, 2018).

 Mit diesen zehn Merkmalen, die in den Ausführungen, zu denen die obigen Links weiterleiten, noch weitergehend erläutert werden, grenzt sich Coaching gegenüber seinen unmittelbaren Nachbar-Formaten ab, nämlich gegenüber der Psychotherapie und gegenüber Schulung und Training.

Das wichtigste Merkmal, das Coaching von Psychotherapie unterscheidet ist, dass Coaching eine Hilfe zur Selbsthilfe ist, bei der sehr viel weitergehender als in der Psychotherapie die "gesunden" Ressourcen des/der Coachee genutzt werden können.

Das wichtigste Merkmal, mit dem sich Coaching gegenüber Schulung und Training abgrenzt ist, ist die Dominanz der Prozessberatung, die anders als bei Schulung und Training Expertenberatung nur am Rande zulässt.

 

Literatur

Bachkirova, T., Cox, E. & Clutterbuck, D. (2010). Introduction. In E. Cox, T. Bachkirova & D. Clutterbuck (Hrsg.), The complete handbook of coaching (S. 1 – 20). London: Sage.

Greif, S. (2008). Coaching und ergebnisorientierte Selbstreflexion. Göttingen u. a.: Hogrefe

Greif, S., Möller, H. & Scholl, W. (2018). Coachingdefinitionen und -konzepte. In S. Greif, H. Möller & W. Scholl (Hrsg.), Handbuch Schlüsselkonzepte im Coaching (S. 1 – 9). Wiesbaden: Springer.

Geißler, H. (2018). Organisationspsyhologie III - Grundlagen Coaching. Was ist Coaching? Hamburg: Hamburger Fern-Hochschule

Grant, A. M. & Stober, D. R. (2006). Introduction. In D. R. Stober & A. M. Grant, (Hrsg.), Evidence based coaching: Putting best practices to work for your clients (S. 1 – 14). New Jersey: Wiley and Sons.

Rauen, C. (2005). Varianten des Coachings im Personalentwicklungsbereich. In C. Rauen (Hrsg.), Handbuch Coaching (3. Aufl., S. 111 – 136).Göttingen u. a.: Hogrefe.

Whitmore, J. (1992). Coaching for Performance. London: Nicholas Bearley.