Erste Untersuchungsergebnisse - Teil 1: Die Bedeutung schriftlich zu bearbeitender Fragebögen

Nachdem unser Projekt zur Erforschung von Erfolgsfaktoren im Online-Coaching nun gut einen Monat läuft und die ersten zehn Coachingsitzungen durchgeführt und großteils auch supervidiert worden sind, lässt sich ein erstes Teilergebnis erkennen, nämlich der Erfolgsfaktor schriftlich zu bearbeitender Fragebögen. Er bezieht sich allerdings zunächst einmal nur auf die Erstsitzungen, in denen es darum ging, das Anliegen und Ziel des Coachings zu identifizieren und auf dieser Grundlage entsprechende  Coachingaufträge zu vereinbaren.

 

Erfolgsfaktor 1: Schriftlich zu bearbeitende Fragebögen

Die Analyse der untersuchten Coachings zeigt, dass schriftlich zu bearbeitende Fragebögen ein wichtiger Erfolgsfaktor bei Coachings sind, in denen es um die Anliegen-, Ziel- und Auftragsklärung geht. Es ist aber zu vermuten, dass diese Erkenntnis grundsätzlich für alle Coachings zutrifft, – aber uneingeschränkt nur dann, wenn folgende Bedingungen vorliegen:

 

Bedingung 1 – konzeptionelle Begründung der Coachingfragen

Die Coachingfragen, mit denen das Coachinganliegen und –ziel der Coachees hinreichend umfassend und tiefgreifend erfasst und ein entsprechender Coachingauftrag entwickelt werden soll, müssen konzeptionell systematisch begründet sein. Das bedeutet: Die Coachingfragen müssen zum einen logisch aufeinander aufbauen und zum anderen die wichtigsten Dimensionen des Coachinganliegens, -ziels und –auftrags abdecken. Diese Ansprüche erfüllt der Fragensatz des Coachingtools „Virtuelles Coaching – Bedarfsklärung (VC-B)“.

Bedingung 2 – übersichtliche Darstellung der Coachingfragen und ihrer Antworten

Da die Coachingfragen der Anliegen-, Ziel- und Auftragsklärung in einem ersten Arbeitsschritt ein entsprechendes Selbstcoaching der Coachees anleiten sollen, sollten sie möglichst übersichtlich dargestellt werden. Dabei erweist es sich als sinnvoll, die Coachingfragen in drei bis maximal sieben oder acht Gruppen zu clustern, diese mit einer jeweils passenden Überschrift zu versehen und die Reihenfolge ihrer Bearbeitung festzulegen. Jeder dieser Gruppen können dann zwei bis fünf Fragen zugeordnet werden. Darüber hinaus ist es sinnvoll, die Coachingfragen und den Raum für ihre Beantwortung so anzulegen, dass inhaltlich eng zusammenhängende Fragen und Antworten auf einen Blick gesehen werden können. Aus diesem Grunde wird der Fragensatz des Coachingtools „Virtuelles Coaching – Bedarfsklärung (VC-B)“ mithilfe einer Matrix dargestellt, die aus zwei mal drei Feldern besteht.

 

Bedingung 3 – Vorbereitung und Contracting des Selbstcoachings

Fragenbasierte Selbstcoachings müssen sorgfältig vorbereitet werden. Das bedeutet, nicht nur die organisatorischen und technischen Bedingungen für die Durchführung des Selbstcoachings, sondern auch seine Bedeutung für das anschließende dialogische Coaching zu erklären. Hierzu muss die Vereinbarung hinzukommen, dass der Coach vor der Coachingsitzung die Ergebnisse des Selbstcoachings sehen kann, um sich auf die Coachingsitzung vorzubereiten. Auf diese Weise wird vor vornherein verdeutlicht und sichergestellt, dass das Selbstcoaching und das anschließende dialogische Coaching eine Einheit bilden.

 

Bedingung 4 – klare Prozessstruktur der Coachingsitzung

Eine wichtige Erfolgsbedingung der anschließenden Coachingsitzung ist, dass die Struktur des Fragebogens die Struktur des Coachingprozesses bestimmt. Voraussetzung hierfür ist, dass die Coachees ihren Bildschirm teilen (und dabei gegebenenfalls vom Coach technisch unterstützt werden), sodass beide, also Coach und Coachee, gemeinsam auf die Fragen und Antworten des Selbstcoachings schauen und sie Schritt für Schritt besprechen können. Die zentrale Aufgabe der Coaches ist dabei, genau zu beobachten, ob die Coachees den Sinn und die Bedeutung der Coachingfragen richtig verstanden haben. Sie müssen deshalb gegebenenfalls die konzeptionellen Grundlagen und Zusammenhänge der verschiedenen Coachingfragen noch einmal kurz erklären. Besonders wichtig ist das bei den Übergängen von einer Coachingfrage zur nächsten.

 

Bedingung 5 – moderierende Erzählmotivation und -begleitung

Damit sich der Coach ein hinreichend differenziertes erstes Bild von dem Coachinganliegen und –ziel der Coachees machen kann, sollte die Besprechung der Ergebnisse des Selbstcoachings sich zunächst auf eine moderierende Erzählmotivation und –begleitung konzentrieren. Inhaltlich sollte dabei auf Dreierlei fokussiert werden, nämlich darauf, wie es den Coachees mit dem Selbstcoaching ergangen ist, darauf, was sie zur Wahrnehmung eines Coachings veranlasst hat, d.h. was momentan nicht so gut ist, und darauf, wie sie sich das ideale Ergebnis des Coachings vorstellen. Die methodische Grundlage dieser Erzählmotivierung und –begleitung muss das aktive Zuhören sein, d.h. der systematische Wechsel zwischen persönlich resonant Anteil nehmenden explorativem Fragen und sinnverdichteten Zusammenfassungen des Gehörten. Die so mündlich generierten Informationen, die – wie im Folgenden zu zeigen sein wird – in einem nächsten Schritt systematisch zu reflektieren sind,  sollten nur in Ausnahmen schriftlich fixiert werden, um die Übersichtlichkeit der Antworten nicht zu gefährden,

 

Bedingung 6 – moderierende Reflexions- und Verschriftlichungsmotivation und -begleitung

Das komplementäre Gegenstück zur moderierenden Erzählmotivation und –begleitung ist die moderierende Reflexions- und Verschriftlichungsmotivation und –begleitung. Ihr zentraler Ausgangs- und Bezugspunkt sind zum einen die Eintragungen der Coachees, mit denen sie die Coachingfragen des Selbstcoachings beantwortet haben, und zum anderen die Informationen, die in der Coachingsitzung mithilfe der Erzählmotivation und –begleitung gerade generiert worden sind. Auch hier ist die Methode des aktiven Zuhörens bzw. der resonant Anteil nehmenden Exploration grundlegend. Es ist sinnvoll, diese Methode in drei Schritten anzuwenden, nämlich die Coachees zu bitten, ihre Eintragungen etwas weitergehend zu erklären, auf dieser Grundlage sie anzuregen, bisher noch nicht bedachte Aspekte und Zusammenhänge zu überdenken bzw. zu explorieren und immer dann, wenn dabei neue Erkenntnisse generiert werden, den Vorschlag zu machen, dass sie diese in dem geöffneten Fragebogen schriftlich festhalten, d.h. ihre vorbereiteten Eintragungen entsprechend ergänzen und/oder korrigieren.

 

Bedingung 7 – aufklärungsorientierte Reflexions- und Verschriftlichungsmotivation und -begleitung

Das komplementäre Gegenstück zur moderierenden Reflexions- und Verschriftlichungsmotivation und –begleitung ist die aufklärungsorientierte Reflexions- und Verschriftlichungsmotivation und –begleitung. Dabei bieten sich drei verschiedene Methoden an: Die erste kann man als Anregung reflexions- und lernstimulierender Selbstkonfrontationen bezeichnen. Sie besteht darin, die Coachees mit eigenen Äußerungen zu konfrontieren und sie anzuregen, ihre Beziehung bzw. Stimmigkeit selbstkritisch zu überprüfen. Die zweite Methode beinhaltet Deutungsangebote, die immer dann sinnvoll sind, wenn Coachees nicht mehr weiter wissen und zu sehr „im eigenen Saft schmoren“. Feedback schließlich bietet sich an, wenn der Verdacht eines blinden Flecks besteht. Diesen drei Interventionsmöglichkeiten ist gemeinsam, dass sie über die Methode des Moderierens hinausgehen und die Coachees anregen, ihren aktuellen Erkenntnisstandpunkt und –horizont produktiv zu erweitern bzw. zu verändern, um aufgeklärter mit der eigenen Coachingproblematik umgehen zu können bzw. sich aus ihren aktuellen Problemverstrickung zumindest ansatzweise befreien zu können. Es ist deshalb wichtig, neue Erkenntnisse, die auf diese Weise generiert werden, schriftlich festzuhalten bzw. zum Anlass für Ergänzungen und/oder Korrekturen der vorliegenden schriftlichen Eintragungen zu machen.

 

 

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